06.01 bethanien für alle

künst­lerhaus bethanien, berlin

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anlässlich der teilbe­setzung des künst­ler­hauses bethanien und der frage nach dessen zukunft lädt matysik mit der initiative zukünftige lebens­formen (izl) in der tradition parti­zi­pa­to­rischer kunst­praxis zu workshops ein, mit denen er hinsichtlich der vision von einer aktiven evolution einen kollektiven entwick­lungs­prozess anstößt, bestimmt von den indivi­duellen vorstel­lungen und wünschen der teilnehmer. ihnen werden diverse materialien zur konkreten formu­lierung ihrer ideen und utopien bereit­ge­stellt, die ergebnisse im anschluss ausge­stellt. diskurser­weiternd werden videos präsentiert: u.a. der film biore­vo­lution, in dem die protago­nisten fragen gesell­schaft­licher verant­wort­lichkeit nachgehen, und die dokumen­tation freude im wald über ein experiment zur erprobung alter­nativer lebensweisen.

in response to the partial occupation of the künst­lerhaus bethanien and its uncertain future, matysik and the initiative zukünftige lebens­formen (izl) – in the tradition of parti­ci­patory art practice – invite people to take part in expanding upon his vision of an active evolution through workshops. he thus initiates a collective development process defined by the individual imagi­nations and wishes of the parti­cipants, who are provided with diverse materials for the concrete formu­lation of their ideas and utopias. the results are subse­quently displayed. videos are also presented to broaden the discourse, including the film biore­vo­lution, in which the protagonists pursue questions of societal responsi­bility, and the documentary joy in the woods about an experiment exploring alter­native ways of life.

die initiative zukünftige lebens­formen (izl) richtet
ihre zentrale im künst­lerhaus bethanien ein.

die initiative ist zu den öffnungs­zeiten vor ort und führt projekte mit gruppen aus der bevöl­kerung durch. unange­meldete besucher/innen sind willkommen.
19.00–20.00 uhr screening: ist natur sinnvoll? interviews der izl

die izl ist eine nicht­staatliche organi­sation, da herkömmliche natio­nal­staatliche insti­tu­tionen der inter­es­sens­ver­mittlung an ihre grenzen gelangt sind. über die neue form der demokratie brechen wir auf zu einer neuen biologisch fundierten gesellschaft.

die izl versteht sich als eigene biologisch-zoologische sozietät, die ausserhalb der freiheitlich-demokratischen grund­ordnung liegt. sie nutzt die einladung der künst­lerhaus bethanien gmbh, um im studio 3 statt einer ausstellung einen ausser­staat­lichen raum einzu­richten, in dem sie ihre eigenen lebens­vor­stel­lungen etabliert.

  • wir rufen alle an der kritischen ausein­an­der­setzung mit (biolo­gischen) utopien inter­es­sierte auf, sich mit der izl in verbindung zu setzen, die zentrale zur förderung des wissens und meinungs­transfers zu nutzen und somit wildes wuchern von neuem leben realität werden zu lassen. ziel wird es sein, heraus­zu­finden, wie es jenseits der noch beste­henden grenzen weitergehen kann.
  • täglich werden gruppen modelle für lebens­formen der zukunft erarbeiten. wir bieten arbeits­plätze für 16 personen. in 2 stündigen oder 4 stündigen workshops werden die gruppen ihre vorstel­lungen in entwürfe umsetzen. die entwürfe werden dann allen besucher/innen vorgestellt.
  • wir rufen auf, zu uns zu kommen und natur-emanzipatorische ansichten kennen­zu­lernen, alter­nativen zu konkre­ti­sieren und mitzu­helfen, eine andere welt zu ermöglichen.
  • wir rufen auf, neue wege in der evolution zu ergründen, konzepte für die trans­for­mation der gesell­schaft zu erarbeiten, massnahmen zur entwicklung der zukünftigen umwelt zu entwickeln.
  • wir bieten so viel betei­ligung und verant­wortung wie möglich. die chance zur parti­zi­pation, zur erarbeitung von wissen, erfah­rungen zu machen, entschei­dungen zu treffen, und aktionen zu entwickeln. selbst­or­ga­ni­siertes (ein-)arbeiten vor ort (individuell oder in gruppen) sowie die teilnahme an praxis- oder erfah­rungs­ori­en­tierten workshops ist möglich.

die izl ist eine verknüpfung von selbst­ständig entwi­ckelten angeboten mit unter­schied­lichen schwer­punkten. in modulen theorie- sowie praxis­be­zogener workshops werden themen behandelt wie:

  • organismen der postevolution
  • modelle für zukünftige lebensformen

die izl verfolgt folgende ziele:

  • erarbeitung und darstellung von entwürfen für eine neue zukunft.
  • organi­sation von aktionen mit gruppen zur erarbeitung von entwürfen und zielen für eine neue zukunft.
  • entwicklung von vorstel­lungen zu einer zukunft mit erwei­terten lebensformen

dazu werden folgende methoden eingesetzt:

  • reali­sierung von infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tungen über neue lebensformen
  • befra­gungen in form von video­in­terviews mit verant­wort­lichen personen von gesell­schaftlich relevanten gruppierungen
  • analyse der nicht-kommerziellen, unabhängigen, ökologischen, sozialen, gesell­schaft­lichen, kultu­rellen verbände, bewegungen, gruppie­rungen, die sich für eine grund­legend veränderte zukunft einsetzen.

die darstellung zielt auf einen vergleich der unter­schied­lichen initiativen und bewegungen unter­einander und zur izl. durch teilnehmende beobachtung im prozess der unter­suchung ist es beabsichtigt, die unter­suchten zu subjekten des prozesses werden zu lassen.

die izl versucht durch das gegen­ein­an­der­stellen unter­schied­licher methoden, sich wider­spre­chender heran­ge­hens­weisen, wider­strei­tender auffas­sungen das wissen um das leben zu erweitern. über die arbeit der izl sollen diese ansätze und gruppie­rungen in einen dialog treten und dadurch synergien entwickeln. die izl verfolgt keine kommer­ziellen interessen, sondern gemein­nützige soziale, kulturelle und wissen­schaftliche zielsetzungen.

die izl sucht nach einem neubeginn.

die basis der izl liegt in der kunst. dadurch sind die kommu­ni­ka­ti­ons­strukturen, die zu ihrer arbeit nötig sind, überwiegend auch künst­lerisch. dennoch streben wir, seitdem es die izl gibt, ihre verknüpfung mit dem alltäg­lichen leben an. formen, in denen dies geschieht, waren bisher: veran­stal­tungen, seminare, gesprächs­runden, plena und konfe­renzen, wobei die jeweilige form von dem rahmen abhängig war. damit beansprucht die izl teil der gegen­öf­fent­lichkeit in der kunst zu sein.

die einrichtung der izl soll zu einer grund­le­genden neuent­wicklung einer bewegung führen. die voraus­gehende aktivität soll als startpunkt für die geburt einer neuen bewegung dienen.

metamorphose statt revolution.

es gibt keine grenze zwischen unbelebter und belebter natur. die unter­scheidung von rationalem und irrationalem ist beliebig. eine wesentliche aufgabe im 21. jahrhundert wird sein, den wert der natur an sich wieder zu entdecken und daraus auch normen abzuleiten.

mikroevo­lu­tionen sind mikro­re­bel­lionen. die eigen­tä­tigkeit der zellen lässt sich so beschreiben: soviel innen wie möglich, so wenig aussen wie nötig. die zellen schotten ihre eigen­tä­tigkeit als einzelne, also zur aussenwelt und zum menschen hin ab.

abhän­gigkeit von der natur verwandelt sich immer stärker in abhän­gigkeit von der gesell­schaft. die absor­bierende macht der gesell­schaft höhlt die künst­le­rische dimension aus, indem sie sich an ihre antago­nis­tischen inhalte angleicht. im bereich der kultur manifestiert sich der neue totali­ta­rismus gerade in einem harmo­ni­sie­renden plura­lismus, worin die einander wider­spre­chenden werke und wahrheiten friedlich neben­einander koexistieren.

der alltag ist durch indus­tria­li­sierung, konsumzwang und entfremdung pervertiert. werke sind waren. künst­le­rische produkte verfallen in der indus­tria­li­sierten gesell­schaft dem waren­cha­rakter. wie soll eine welt, deren misere in sozio­öko­no­mischen bedin­gungen gründet, durch ästhetische produktion überwunden werden, die waren­cha­rakter hat?
das funkti­onslose kunstwerk ist überflüssig. gegen konser­vierte kunst eine gemein­schaft des direkt erlebten augen­blicks stellen. die wirklichkeit selber zum feld der ästhetischen aktivität werden lassen. das publikum muss zum produktiven akteur werden. treten wir aus der jetzigen gesell­schaft aus.

FREUDE im wald

durch praktisches erleben/selbstversuche alter­native lebens­weisen erproben/entdecken. es muss doch einen weg aus dieser kapita­lis­tischen scheisse geben.

auf der suche nach alter­nativen lebens­mo­dellen und sozialen utopien fordere ich die gruppe FREUDE auf, an einem einwö­chigen projekt teilzunehmen.

6 tage aktion
datum: 1.8. bis 6.8.2006
ort: querumer forst, institut der tu braun­schweig.
situation: wald und einge­zäunter aussen­bereich, viel platz, material, halle, kleine schlafräume, duschen.
alle teilnehmer/innen bleiben für die gesamte zeit zusammen.
es wird dort gelebt, gekocht, gegessen und geschlafen.
aufent­halts­bereich: wald des instituts oder gebäude (grosse halle und kleinere räume).

tag 1: kommen, sich locker machen und nicht mehr weggehen.
die gesamte zeit zusammen bleiben. immer gefilmt werden können. keine auszeit.

zentral sollte untersucht werden, was wir grund­legend anders machen wollen; in bezug auf die gesell­schaftsform, in der wir leben, oder wofür wir uns einsetzen wollen. also wie wir leben wollen.

das ganze soll jeden tag auf 2 ebenen stattfinden.

  1. analyse und vermittlung. 10–11 uhr: jede/r soll die möglichkeit haben, seine utopie des miteinander vorzu­stellen und im gespräch mit den anderen zu entfalten.
  2. praxistest. 11–20 uhr: in form eines experiments werden die teilnehmer/innen sich den neu vorge­stellten bedin­gungen gemäss verhalten.

im kurzzeit­versuch werden wir auspro­bieren, ob utopien gelebt werden können. das ganze wird durch die zugespitzte situation beschleunigt und soll nach der vermittlung in die »miteinander leben testphase« katapultiert werden.

am ersten tag wird gelost, wer wann dran ist. sechs leute, sechs tage. an jedem tag leben die anderen den utopischen ansatz von einer/einem aus der gruppe.

jede/r steckt einen tag lang den anderen den rahmen, in dem sie alleine für sich und mit den anderen leben müssen. somit hat jeder an einem tag die regie und die anderen machen mit.
alles wird ständig gefilmt, sofern es von interesse ist. es gibt keine auszeit, sondern am ersten tag steigt frau/man ein und am letzten tag ist für alle schluss.

wir selbst sind die probanden in diesem experiment, es gibt keine aussen­instanz, nur die kamera zur dokumen­tation. schneiden, also auswerten kann zu einem oder mehreren filmen führen.

teilnehmer/innen experiment: thorsten bruch, andreas eschment, sebastian grätz, reiner maria matysik, marco olbrich, hartmut stockter.
kamera: sebastian neubauer.

Körper
Innen, Draußen, Tag, Nacht

Es wirkt wie eine Initi­al­zündung, sie beginnen zögerlich Dinge der Kultur zu zerstören. Werden immer wilder, haben Spaß, beobachten sich zuerst selbst dabei, aber die Lust am zerstören wächst. Das Inventar wird mehr und mehr verwüstet, am Ende ist es völlig zerlegt. Sie sind erschöpft.

Sie entkleiden sich in dem wilden Durch­einander. Sie beginnen sich kleine Kuhlen zu graben dann kriechen sie kopfüber dort hinein. Schließlich bauen sie aus den funkti­onslos gewordenen Teilen, Bruch­stücken, zerrissener Kleidung etc. ein Großes nestartiges Gebilde (einen grossen Haufen mit einer Mulde in der Mitte in die weiche Gegen­stände, zerrissene Stoffe, Zimmer­pflanzen etc. gelegt werden) und legen sich gemeinsam hinein und schlafen eng beieinander, umschlungen.

Damit lassen sie die Kultur hinter sich. sie gehen nicht zurück zu einer frühen und ursprüng­lichen Natur, sondern machen einen Schritt zu einer aus Freiheit selbst­ge­schaffenen Natur. (falls das alles im Freien spielen sollte ebenso: Klamotten, etc. zerlegen, Mulde formen und darin liegen.)

Manchmal hört man die Reste ihrer Stimmen, von irgendwoher, von tief unten und oben, von draußen nach drinnen, von drinnen nach draußen.

Ich lege mich auf einen Stein und warte darauf, dass er etwas mit meiner Haut macht.
Ich schlafe eine Nacht auf einem Stein und seine scharf­kantigen Riefen drücken sich mir schmerzhaft ins Gesicht.

Ich benutze meine Hände nicht mehr. Das Essen reiße ich mit dem Mund von Sträuchern ab.

Ich kann nachts nicht mehr im liegen schlafen. Lehne mich an Bäume, halbwach, stets bereit aufzuspringen.

Ich ziehe in den Restwald. Weg von der Hütte, weg von dem, was in der Hütte ist, weg von dem, was die Hütte aus mir gemacht hat. Ich habe ein Dickicht vor mir und hinter mir. Jetzt ein neues Dickicht.

Ich will nach und nach alle Körperteile durch neue, alle Sinnes­organe durch neue ersetzen.
Aus der Bewegung in Abhän­gigkeit von der Sonnen­strah­lungs­in­tensität entsteht das Sehen. Aus dem Gleich­ge­wichtsorgan das Hören. Welche Organe fehlen uns? Wie können wir sie herstellen?
Welche sind zu viel?

Wie lang muss ich meinen Fuß ins Wasser halten bis er selbst (wie) flüssig wird, zu schmerzen beginnt, die Haut sich auflöst. Ich mich auflöse.

Ich fühle in meinem kopf eine Betäubung, wie in einer Trunkenheit; ein heftiges Herzklopfen befällt mich und nimmt mir die Luft. Ich kann im Gehen nicht mehr atmen und lasse mich unter einem Baum nieder­fallen. Dort verbringe ich eine halbe Stunde in einer unbeschreib­lichen Erregung. Als ich wieder aufstehe, ist es feucht um mich. Ich habe Blut, Schleim, Schweiß verloren, ohne es zu bemerken.

Ich habe Hunger (und werde fähig grauenvoll zu denken und zu handeln). Wir werden Hunger körperlich erfahren. Essen wird existenziell werden. Wir werden Nahrung suchen müssen. Vielleicht halten unsere zivili­sierten Körper das nicht lange aus. Aber vielleicht schaffen wir es und kommen durch und dann sind wir raus aus dem ganzen.

Ich ersetze meine Brüste durch Steine.
Ich trage jetzt Steine statt Brüste vor mir her. Und stolz.
Die Steine schneiden meine alten Brust­warzen ab.

Komm in mich.

Ich öffne meine Augen nicht mehr. die anderen haben sie zugenäht. Für immer? Die anderen Sinne?

Test. Eins, zwei, Test. Ich spreche dich an. Du. Du. Ich teste dich. Du testest mich. Ich erkunde Blüte, Geruch, Form, Stachel, Schleim. Ich erkunde. Das was mich umgibt:

Ich bin mehr als die Steine, die ich bin.

Ich falle, ich habe verlernt zu gehen. Die anderen graben mich ein, nur mein Kopf, meine Füße, meine Hände schauen noch heraus. Sie pflanzen einen Baum, wo früher ein Bauch war.

Du wirst lebendig. Du dringst in meinen Körper ein. Darfst deinen Samen in mich legen.

Wir.

Mein Körper ist jetzt das, was er sieht.

Mein Körper ist jetzt das, was er hört. Mein Körper ist jetzt das, was er schmeckt. Riecht. Mein Körper ist sein eigener Gestank, als er beginnt, zu verfaulen.

Ich bin schwanger. Mein Kind soll aus mir heraus­fallen in deine Hände.
Ich lege meinen Bauch an deine Haut, damit das Kind in dich hinein­ge­drückt wird. Nehm es mir ab. Lass es durch meine Bauchdecke in deinen Körper.
Das Kind wird teil einer zukünftigen Lebenswelt.