18.01 wolkenfänger

bahnhofs­vorplatz duisburg

reali­sierung für 2017 geplant

welches mit der geschichte der schwer­in­dustrie verknüpfte bildwerk ermöglicht einen assozia­ti­onsraum für diese stadt?
das künstlerische projekt auf dem platz bezieht sich auf den hintergrund der indus­trie­kultur als allein­stel­lungs­merkmal. jenseits aller trans­for­ma­ti­ons­prozesse ist und wird die schwer­in­dustrie wesent­licher bestandteil der duisburger identität bleiben. der entwurf greift das auf und stellt stahl und die konstruktive leistungs­fä­higkeit dieses werkstoffs als material duisburgs in den mittelpunkt.

der erste blick des in duisburg ankom­menden wird auf einem 20 m hohen turm aus stahl fallen. leicht steht die hochauf­ragende schlanke kegel­förmige gestalt auf dem platz. die gitter­struktur ist trans­parent und ermöglicht durch­blicke. sie besetzt den raum nicht momumental, sondern umschreibt die form wie eine zeichnung.

eine weiße kumuluswolke hat sich in dem gestell verfangen. als poetisches moment umhüllt sie die logisch, geome­trische struktur.
die wolke ist aus dem landschaft­lichen heraus­gelöst, führt ein eigenleben. sie wirft ihren wolken­schatten auf den platz. die wolke ist amorph und von einer materialität, die sich der fixierung entzieht. um die wolke zu begreifen, bedarf es einer anderen form von wahrnehmung als jener, die mit den allfälligen kategorien zur produktion von sinn formuliert wird. die wolke hat keinen wert. sie ist das modell einer existenz die durch die bindungs­kräfte einer feinstoff­lichen berührung zwischen oberflächen entsteht. in der wolke, dem paradigma der verwandlung, findet all das raum und gestalt, was sonst weder lokali­sierbar noch abbildbar ist.

für meteo­rologen ist eine wolke das kompli­zierteste gebilde der atmosphäre. wer verstehen will, wie sie sich bildet oder auflöst, wie sie lebt, regnet, schneit oder hagelt, muss gleich­zeitig gase, flüssig­keiten und festkörper betrachten – und die übergänge zwischen diesen drei phasen. die wolke in einer indus­triestadt zeigt aber auch eine neue form im verhältnis von zivili­sation und umwelt. für duisburger sind wolken auch die künst­lichen wolken der kokereien. die wolken­macher genannten arbeiter löschen den koks mit wasser, dass als gewaltige wolke aufsteigt. mit der 2014 fertig gestellten neuen kokerei der hüttenwerke krupp mannesmann in duisburg schwelgern lebt diese tradi­ti­ons­reiche produktion auf höchstem niveau fort.

der histo­rische rahmen
der turm bezieht sich auf zwei histo­rische modelle: die rohrtürme der gebrüder mannesmann und die hyper­bloischen stabwerke des russischen ingenieurs wladimir g. suchow.
1896 wurde das erste hyper­bloische stabwerk als wasserturm errichtet. der turm bestach durch leich­tigkeit bei hoher stabilität und durch eine aus geraden tragstäben entwi­ckelte doppelt gekrümmte form. suchov realisiert diese neuartige turmkon­struktion auf der basis eines entwurfs von mannesmann.
der gitter­förmige turm entsteht als tragwerk aus sich überkreu­zenden gerad­linigen rohren, die auf den leitlinien des rotati­ons­körpers verlaufen, dessen gestalt der turm hat. sie sind miteinander an den kreuzungs­stellen und außerdem durch waagrechte ringe verbunden.

durch die entwicklung des mannesmann-verfahren für nahtlose stahlrohre, entwi­ckelte sich das unter­nehmen zu einen inter­na­tional tätigen konzern. mannesmann errichtete 1914 eine eigene stahl­pro­duktion in duisburg-hüttenheim. die hüttenwerke krupp mannesmann gmbh haben noch heute ihren hauptsitz in duisburg.
aus dem mannesmann nachlass existiert eine zeichnung „rohrtürme“ mit aussichts- bzw. leuchttürmen die hyper­bo­lische stabwerke sind. die zeich­nungen sind zwischen 1890 und 1895 entstanden und stellen damit die ersten bekannten entwürfe von hyper­bo­lischen gittertürmen dar. da die firma mannesmann auch die rohre für ein pipeline­projekt in russland, an dem suchov beteiligt war lieferte, ist es wahrscheinlich dass suchov die entwürfe der mannesmann rohrtürme gekannt hat. auch auf der hälfte der stahl­profile, die in der konstruktion des schuchow-radioturms verwendet wurden, befindet sich der stempel der firma krupp.

die verbindung
der erste reali­sierte bau eines hyper­bo­lischen gitter­turmes geht auf suchov zurück. die grundlagen dafür bildet nicht nur das mannesmann-röhren-verfahren, sondern auch die konstruk­ti­ons­skizzen von 1890. die skulptur wolken­fänger wird die in den zeich­nungen gefundene konstruk­ti­onsweise am ort seiner planung erstmalig realisieren.

beziehung der skulptur zur platz­ge­staltung
die entwurfs­elemente verwebung und bänderung werden bei der gestaltung des bahnhofs­platzes eingesetzt.

eine der identität stiftenden grund­ge­danken des platzes ist eine künstlerische inter­pre­tation basierend auf den karto­gra­phischen ideen gerhard mercators, die sich heute in der sogenannten „merca­tor­pro­jektion“ wieder­finden lassen und die moderne techno­logien, wie z.b. naviga­ti­ons­systeme, mit beein­flusst haben.
hier ist der funkti­onslose mast mit der wolke eine anspielung auf die naviga­ti­ons­elemente bei schiffen und eine erinnerung an sende­masten die als hyper­bo­lische gittertürme gebaut werden.

übereinander gestellte hyper­boloide
eine hyper­bo­lische ebene wird daher erzeugt, indem zwei gegen­einander schräg gestellte geraden entlang eines kreises durch den raum bewegt werden. die entstehende fläche bezeichnet die mathematik als regel­fläche mit doppelter, gegen­sinniger krümmung. durch änderung der schräg­stellung der beiden geraden oder der änderung der kreis­durch­messer variiert die form des hyper­boloids. die gittertürme in hyper­bo­lo­idform werden mit schräg gestellten geraden stäben zweier sich kreuzender geraden­scharen konstruiert, welche immer im gleichen abstand um einen kreis gestellt wurden. sie übernehmen die tragende funktion von druck­streben. das entstandene gitter bildete die fläche des hyperboloids.

die skulptur spielt mit dem bild des „alten“ ruhrgebiets, mit seinen indus­trie­anlagen und rauchenden schloten, die so lange negative wahrzeichen des ruhrpotts waren. der durch­brochene turm ergänzt die vielzahl der duisburger türme zu denen gehören: kühltürme, schlote, kamine, fördertürme, gasfackeln, masten und andere.

merctors erfindung erlaubt es den seeleute bei gerad­liniger navigation über eine tatsächliche kurvenbahn zum ziel zu gelangen.
die mercator-projektion ist eine nach gerhard mercator benannte form der zylin­der­pro­jektion, bei der die
projektion in richtung der zylin­derachse geeignet verzerrt ist, um eine winkeltreue abbildung der erdober­fläche zu erreichen. bei der skulptur werden die senkrechten des zylinders geneigt, so dass eine hyper­bel­artige krümmung aus geraden entsteht.
gerhard mercator veröf­fent­lichte zu naviga­ti­ons­zwecken 1569 eine karte auf der erstmals ein gesteuerter kurs als gerade einge­zeichnet werden konnte. die nordrichtung ist überall auf der karte dieselbe. zusammen mit der winkeltreue bedeutet dies, dass loxodromen (d. h. gleich­bleibende kurse) als geraden abgebildet werden.
in luft- und seefahrt erlauben loxodrome das reisen entlang nur einer peilung. die strecke ist zwar etwas länger erfordert aber keinen ständig neuen kurswinkel.

fazit
der entwurf verbindet zwei wichtige momente auf dem weg in die moderne, die beide einen histo­rischen bezug zu duisburg haben. mercators mathe­ma­tische einsichten. die skulptur lässt sich als räumliche antwort auf mercators lineare projektion verstehen. zudem arbeitet sie mit einem material und folgt einem entwurf, der wesentlich auf die im ruhrgebiet ansässige schwer­in­dustrie und ihre pionier­leis­tungen zurückgeht.
der wolken­fänger begrüßt ausgreifend und selbst­bewust die reisenden auf dem weg in die stadt.