f08.06 wir brauchen einen biologischen existenzialismus

wir setzen aus chemi­schen verbin­dungen leben zusammen. wir konstru­ieren zellen und chromo­somen. so schaffen wir lebens­formen, die zuvor nicht existiert haben. das ganze basiert auf langjäh­riger erfahrung mit digita­li­sierter biologie: erst haben wir das genom sequen­ziert und die daten von der analogen in die digitale welt des computers übersetzt. dann sind wir von der digitalen welt wieder in die analoge welt der biologie zurück­kehrt. zellen sind doppel­mem­brane, diese stellen wir aus molekülen künstlich her. dann konstru­ieren wir künst­liche chromo­somen, indem wir die moleküle synthe­ti­sieren und daraus stück für stück dna zusam­men­setzen. wir verbinden diese zellen mit den genen und entwi­ckeln so ganz neue organismen aus chemi­schen grundsubstanzen. (…)

in den letzten jahren haben unzählige utopische projekte und experi­mente begonnen. es herrscht eine ungeheure aufbruch­stimmung, die sich mit der hoffnung verbindet, eine bessere welt zu errichten. der schroffe gegensatz zwischen der poste­vo­lu­tio­nären welt und der bishe­rigen evolu­tio­nären welt rührt daher, dass es heute organismen gibt, die es damals nicht gab. in unserem leben sind wesen aufge­taucht, von denen sich gestern nicht trämen liess. es gibt biolo­gische möglich­keiten mit tausend­fachen auswirkungen. (…)

die leitziele orien­tieren sich an den system­zu­sam­men­hängen der natur. konkrete zielwerte werden aus objek­tiven natur­wis­sen­schaft­lichen und ästhe­ti­schen erkennt­nissen abgeleitet. die aufgabe von wissen­schaftlern und ingenieuren ist der einsatz der natur­ge­setze zur umwandlung der biolo­gi­schen arten und chemi­schen elemente. wir beginnen ein freies spiel leben­diger und nicht leben­diger materie in raum und zeit und stoßen in neue dimen­sionen vor. die neue natur entfaltet sich mit den höchst vielfäl­tigen, in ihren inter­de­pen­denzen zumeist ungemein komplexen ökosys­temen und ökosys­temaren zusam­men­hängen. ihr kommt die selbe daseins­be­rech­tigung und eigen­be­deutung zu, die den alten organismen zu eigen war. (…)

ich bin leben, das leben will, inmitten von leben, das leben will. wir brauchen einen biolo­gi­schen existen­zia­lismus. wer das leben nicht grund­legend verändern will braucht gar nicht erst anzufangen.

wir brauchen einen biolo­gi­schen existenzialismus
biofakte — museum könig, bonn, 2008
idee, regie, text: reiner maria matysik
schau­spie­lerin: marina mehlinger
kamera: rupert scheele
mit freund­licher unter­stützung durch die staats­kanzlei nordrhein-westfalen und das
bundes­mi­nis­terium für umwelt, natur­schutz und reaktorsicherheit
dauer: 7 min