16.03 emscherkunst 2016

cloud machine

phoenix-see dortmund









deich zwischen emscher und phönix-see: verdampfer, 30 kw, in container, rohrlei­tungen, düsen, steue­rungs­technik, entnah­me­menge ca. 100 liter / stunde.
begeh­barer pavillion aus polyes­ter­kugeln 7m x 6,5m x 3,5m mit schlaf­ge­le­genheit; skulp­turen aus aluminium und kunst­stoff, broschüre, etc.
kläranlage bottrop: 40 kw turbine mit wasser­schne­cken­an­trieb liegt bei der betriebs­re­gierung zur genehming

dyke between emscher and phönix lake: evapo­rator, 30 kw, in container, pipes, nozzles, control technology, extraction quantity approx. 100 litres / hour.
walk-in pavilion made of polyester balls 7m x 6.5m x 3.5m with sleeping accom­mo­dation; sculp­tures made of aluminium and plastic, brochure, etc.
Bottrop sewage treatment plant: 40 kW turbine with water screw drive is pending approval by the local government. 

Cloud Machine
Vom Aggre­gat­zu­stand der Dinge in der Kunst

I Zustand

Die Technik ist also nicht bloß ein Mittel. Die Technik ist eine Weise des Entbergens.
Martin Heidegger: Die Frage nach der Technik, 1950

Dass Natur und Natur­kreislauf eine andere Zukunft haben könnten als vorher­sehbar: Dass an die Oberfläche tretendes Grund­wasser nicht zum See wird, sondern verdampft. Dass Maschinen diesen Wandel vermitteln. Dass es einen bestimm­baren Ort gibt, von dem aus das Geschehen beobachtet wird. Dass dieses Geschehen als KUNST gilt.

Vor aller Augen steht Dampf: es ist das hervor­drän­gende Grund­wasser, das, anstatt den See weiter zu füllen, als Wolke aufsteigt und davon­zieht. Die Energie, die dazu nötig ist, kommt aus einer in die Emscher einge­las­senen Wasser­schnecke fluss­auf­wärts. Energie, Mecha­nismus, Leitungen und Umwandlung bleiben unsichtbar – Kunst als Technik, die sich verbirgt. Sichtbar wird nur die flüchtige Wolke über einem geheim­nis­vollen Kasten. Auf dem See steht ein kugel­för­miger Pavillon: eine zeitge­nös­sische Forschungs­station. Darin: Skulptur. Daneben: das aufge­stiegene Wasser, der sogenannte Phönix-see, eine künst­liche Wasser­fläche umflossen von einem kunstvoll gelei­teten Fluss. In den letzten Jahren ersetzte hier ein neu angelegter, natürlich wirkender See ein Stahlwerk. An dieser Stelle, auf, über dem See: Die Kunst­kugel, der Pavillon, der Eingriff des Künstlers, die prüfende Neugierde des Publikums – eine Instal­lation aus Landschaft, Apparatur, Betrachter und Skulptur. Die schüt­zende Haut des Pavillons, die vom Zaun geschaffene Distanz zur KUNSTMASCHINE, die überra­schende Verwandlung des Sees in Wolken: eine Anordnung. Das Kunstwerk als Chiffre zwischen Natur und dem Projekt von Zivilisation.

„Alle Kunst­werke, und Kunst insgesamt, sind Rätsel“ schreibt Theodor Adorno. „Das Rätsel lösen ist soviel, wie den Grund seiner Unlös­barkeit angeben: der Blick, mit dem die Kunst­werke den Betrachter anschauen.“1 Der Blick, mit dem uns dieses Kunstwerk anschaut, ist der Ausblick, den es gewährt: auf Landschaft und See wie auf den umzäunten Bereich, den Park, in dem die Maschine steht. Das Unsichtbare, das sichtbar wird: der mensch­liche Wille, die Arbeit, der Horizont von Zukunft, den das Projekt Emscher-Umbau zieht.

II Umstand

Alle natür­lichen Bewegungen der Seele sind Gesetzen unter­worfen, die denen der Schwer­kraft entsprechen. Ausnahmen macht allein die Gnade.
Simone Weil: Cahiers, 1941

Die Situation deutscher, also europäi­scher Gegenwart gleicht dem Ort, der hier für einige Zeit entsteht: ein Steg, über den sich spazieren lässt, bekrönt von Kunst. Nichts wird bleiben wie es ist.
Gleichwohl ermög­licht die Beschäf­tigung mit dem Vorhan­denen unerwartete Einsichten. Viel wurde erreicht. Pläne für den Umbau sind vorhanden. Es wurde gearbeitet: koope­rativ, zielstrebig, unheroisch. Der Künstler bleibt die Ausnahme: er hebt den Normalfall nicht auf, sondern verschiebt ihn ins Offene einer unabschließ­baren Deutung. Sein Eingriff eröffnet Spiel­räume. Neben dem, was die Arbeit offen­sichtlich zeigt, schafft sie als Kunstwerk einen Assozia­ti­onsraum, der weit über das hinaus­reicht, was zu sehen ist. Die symbo­lische Aufladung des Kastens, der die Maschine verbirgt, kommt aus einer Vergan­genheit, deren Matrix unsere Gesell­schaft bis heute prägt. Die Erinnerung daran ermög­licht Deutungen – symbo­lische, verhan­delbare, gewalt­freie Opera­tionen am techni­schen Herz der Gegenwart. Einst barg der Kasten als Bundeslade ein Gesetz, das alle Wirklichkeit bestimmte: „Wer nun den Herrn befragen wollte, der ging zum Zelt der Zusam­men­kunft hinaus, das außerhalb des Lagers stand. … Und wenn Mose in das Zelt hineinging, kam die Wolken­säule herab und stellte sich an den Eingang des Zeltes und ER redete mit Mose. … Der Herr aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie jemand mit seinem Freunde redet“ (Exodus 33, 7–11). Der Container hinter dem Zaun, über dem von Zeit zu Zeit die Wolke steht, ist kein Zelt der Zusam­men­kunft. Als Kunstwerk wird er zum Sinnbild: für eine Form von Produktion, die unein­sehbar vor sich geht und überra­schende Ergeb­nisse zeitigt. Doch ist auch dieser Container gestal­thaft mit dem Zelt verwandt, in dem die mosai­schen Gebote verwahrt lagen. „Das unabwendbar Strenge des Gesetzes“2, die Verpflichtung auf Realität, die Bindung an eine Wirklichkeit, die einer­seits gesetzt, anderer­seits verständlich ist und gedeutet werden möchte: Einsicht in das Gegebene ist die black box unserer Zivili­sation. In einigem Abstand dazu, auf dem See, steht der Pavillon: Kunst schafft, auf Wirklichkeit bezogen, einen Raum, der sich ins Verhältnis setzt. Kein Moses, zu dem die Wirklichkeit freundlich spricht, kein Volk, das auf die Knie fällt. Statt­dessen Wolken von Künst­lerhand, nach der Wirklichkeit gebildet, aber aus festem Material, dinghaft. Nicht als Fetisch: kein Götzenbild. Das Kunstwerk als tastende Wieder­holung dessen, was ohne mensch­liches Zutun geschieht: im Kreislauf der Natur, im automa­ti­sierten Prozess maschi­neller Produktion. Die Wolke nicht als Offen­barung von Transzendenz, sondern als Bild und Inbegriff künst­le­ri­scher, mensch­licher Arbeit.

III Abstand

Das Rätselbild der Kunst ist die Konfi­gu­ration von Mimesis
und Rationalität.
Theodor W. Adorno: Ästhe­tische Theorie, 1970

Die Arbeit cloud machine als Emblem. In einer Zeit, in der sich die Funda­mente unseres Lebens – arbeiten, wohnen, reden, lieben – grund­stürzend verschieben, kristal­li­sieren sich am Kunstwerk die Fragen der Gegenwart. Kunst wird zum Modell für eine Praxis, die mensch­liches Handeln in anderen, weiteren Zusam­men­hängen begreift, als ein in vielem automa­ti­sierter, von Regel­kreis­läufen bestimmter Alltag es zulässt. Das Kunstwerk entfaltet seine Kraft als Gebrauchs­an­weisung für eine Phantasie, die als soziale zu einer anderen gesell­schaft­lichen Praxis motiviert. Es geht darum, Verhal­tens­weisen im Stoff­lichen: Mimesis, Anpassung, mit dem Projekt der Moderne: Aufbruch, Wandel, Trans­for­mation in Ausgleich zu bringen. Es geht um die Balance zwischen der Belast­barkeit körper­licher Struk­turen und der Flüssigkeit: Liqui­dität von Geist. Die Wolke ist ein Energiefeld – sie wandert, ist amorph und in ihrer Materia­lität von einer Feinheit, die sich der dinglichen Fixierung entzieht. Um die Wolke zu begreifen, bedarf es einer anderen Form von Wahrnehmung als jene, die mit den allfäl­ligen Kategorien zur Produktion von Sinn formu­liert wird. Die Wolke hat keinen Wert. Sie ist kein Projekt, sondern das Modell einer Existenz. Ihr Dasein ist nicht von Dauer. Sie existiert nicht als produk­tives Netzwerk verschie­dener lokaler Zentren, sondern durch die Bindungs­kräfte einer feinstoff­lichen Berührung zwischen Oberflächen.

Das Kunstwerk an der Emscher: Zeichen und Deutung im Projekt ihrer Renatu­rierung – das Kunstwerk ermög­licht die Wahrnehmung einer solchen Existenz. Sie erscheint uns zukunfts­trächtig, denn sie zeigt eine neue Form im Verhältnis von Zivili­sation und Umwelt. Der Pavillon auf dem See ist auch ein Kokon: man verlässt ihn verwandelt – nicht materiell, aber mit einem anderen Blick. Dieser sieht nicht das biegsame, gegen­ständ­liche, objektive Gerüst der Dinge, sondern ihr Dasein als das Potenzial einer Praxis, die nicht verbraucht oder verwüstet. Neben der Logik der Verwertung existiert noch eine andere: Nennen wir sie die Logik des Zusam­men­halts diskreter Elemente. Kunst ist ein dinghaftes, materiales Modell für diese Form der Bindung. Die Wolke ist ihr Emblem.

Marc Wrasse

Cloud Machine
On the state of things in art

I State

Technique, then, is not merely a means. Technology is a way of unconcealing.
Martin Heidegger: The Question of Technology, 1950

That nature and the natural cycle could have a different future than foreseeable: That ground­water rising to the surface does not become a lake, but evapo­rates. That machines mediate this change. That there is a deter­minable place from which to observe what is happening. That this happening is consi­dered ART.

Steam is in front of everyone’s eyes: it is the surging ground­water that, instead of conti­nuing to fill the lake, rises as a cloud and drifts away. The energy needed to do this comes from a water screw embedded in the Emscher upstream. Energy, mechanism, pipes and trans­for­mation remain invisible - art as technology that hides itself. Only the fleeting cloud above a myste­rious box becomes visible. A spherical pavilion stands on the lake: a contem­porary research station. Inside: sculpture. Next to it: the risen water, the so-called Phoenix Lake, an artificial expanse of water surrounded by an artfully channeled river. In recent years, a newly created, natural-looking lake replaced a steel mill here. At this point, on, above the lake: the art sphere, the pavilion, the artist’s inter­vention, the public’s probing curiosity - an instal­lation of landscape, apparatus, viewer and sculpture. The protective skin of the pavilion, the distance to the ART MACHINE created by the fence, the surprising trans­for­mation of the lake into clouds: an arran­gement. The artwork as a cipher between nature and the project of civilisation.

»All works of art, and art as a whole, are riddles,« writes Theodor Adorno. »To solve the riddle is as much as to give the reason for its insolu­b­ility: the gaze with which the works of art look at the viewer. »1 The gaze with which this work of art looks at us is the view it affords: of landscape and lake as well as of the fenced-in area, the park, in which the machine stands. The invisible that becomes visible: the human will, the work, the horizon of the future that the Emscher conversion project draws.

II Circum­s­tance

All natural movements of the soul are subject to laws that corre­spond to those of gravity. Only grace makes exceptions.
Simone Weil: Cahiers, 1941

The situation of the German, i.e. European, present resembles the place that is being created here for a while: a footbridge over which one can stroll, crowned by art. Nothing will remain as it is.
At the same time, dealing with the existing allows for unexpected insights. Much has been achieved. Plans for the recon­struction are in place. Work has been done: coope­ra­tively, purpo­se­fully, unheroi­cally. The artist remains the exception: he does not abolish the normal case, but shifts it into the open of an inter­pre­tation that cannot be concluded. His inter­vention opens up scope. In addition to what the work obviously shows, as a work of art it creates a space of association that reaches far beyond what is to be seen. The symbolic charge of the box that hides the machine comes from a past whose matrix shapes our society to this day. Remem­bering it enables inter­pre­ta­tions - symbolic, negotiable, non-violent opera­tions on the technical heart of the present. Once the box, as the Ark of the Covenant, held a law that deter­mined all reality: »Now whoever wished to inquire of the Lord went out to the tent of meeting that stood outside the camp. … And when Moses entered the tent, the pillar of cloud came down and stood at the entrance of the tent, and HE spoke to Moses. … And the LORD spake unto Moses face to face, as one speaketh unto his friend« (Exodus 33:7-11). The container behind the fence, over which the cloud stands from time to time, is not a tent of meeting. As a work of art, it becomes a symbol of a form of production that goes on without being seen and produces surprising results. Yet this container is also related in form to the tent in which the Mosaic comman­dments were kept. »The inevi­table rigour of the law »2, the commitment to reality, the bond to a reality that is on the one hand set, on the other hand compre­hen­sible and wants to be inter­preted: insight into the given is the black box of our civili­sation. At some distance from it, on the lake, stands the pavilion: art, related to reality, creates a space that sets itself in relation. No Moses to whom reality speaks kindly, no people who fall to their knees. Instead, clouds by the artist’s hand, formed according to reality, but made of solid material, thing-like. Not as a fetish: not an idol. The work of art as a groping repetition of what happens without human inter­vention: in the cycle of nature, in the automated process of machine production. The cloud not as a revelation of trans­cen­dence, but as an image and epitome of artistic, human labour.

III Distance

The enigmatic image of art is the confi­gu­ration of mimesis
and rationality.
Theodor W. Adorno: Aesthetic Theory, 1970

The work cloud machine as emblem. At a time when the founda­tions of our lives - working, living, talking, loving - are under­going a funda­mental shift, the questions of the present are crystal­lised in the work of art. Art becomes a model for a practice that under­stands human action in other, broader contexts than an everyday life that is in many ways automated and deter­mined by regulatory cycles. The work of art unfolds its power as an instruction manual for an imagi­nation that motivates a different social practice. It is a matter of combining behavioural patterns in the material: Mimesis, adapt­ation, with the project of modernity: departure, change, trans­for­mation. It is about balancing the resilience of physical struc­tures with the fluidity: liquidity of spirit. The cloud is an energy field - it wanders, is amorphous and in its materiality of a delicacy that eludes material fixity. In order to comprehend the cloud, a different form of perception is required than that which is formu­lated with the possible categories for the production of meaning. The cloud has no value. It is not a project, but the model of an existence. Its existence is not permanent. It does not exist as a productive network of different local centres, but through the binding forces of a subtle contact between surfaces.

The artwork on the Emscher: sign and inter­pre­tation in the project of its renatu­ration - the artwork enables the perception of such an existence. It seems promising for the future because it shows a new form in the relati­onship between civili­sation and the environment. The pavilion on the lake is also a cocoon: one leaves it trans­formed - not materially, but with a different gaze. This one sees not the pliable, repre­sen­ta­tional, objective framework of things, but their existence as the potential of a practice that does not consume or devastate. In addition to the logic of utili­sation, there is another logic: Let us call it the logic of the cohesion of discrete elements. Art is a thing-like, material model for this form of binding. The cloud is its emblem.

Marc Wrasse