08.06 inseln – archipele – atolle

schloss mannheim

ordnungen des insularen

die ausstellung findet parallel zu einer nachwuchs­tagung gleichen titels statt. im rahmen der inter­dis­zi­pli­nären ausein­an­der­setzung mit dem sujet realer, fiktiver sowie künst­licher inseln sollen aspekte des insularen ästhe­tisch erfahrbar gemacht werden. matysik entwi­ckelt eine instal­lation, die mit ihrem von venti­la­toren bewegten folienmeer an die insel lummerland der augsburger puppen­kiste denken lässt.

the exhibition takes place parallel to the next-generation confe­rence of the same name. as part of an inter­di­sci­plinary discussion of real, fictional and artificial islands, aspects of the insular are to be experi­enced aesthe­ti­cally. matysik develops an instal­lation that is reminiscent of the augsburger puppen­kiste theater’s lummerland island, with a sea of foil – set in motion by fans – that washes up against island models installed on trolleys.

Seestück mit Inseln

Instal­lation mit sechs Venti­la­toren, trans­pa­renter, farbloser Kunst­stoff­folie, drei ca. 10 cm hohe 25x25 Quadrat­meter große Platt­formen auf Rollen, Knetmasse; Format: 10x3 m

Sechs Venti­la­toren lassen eine zehn Meter lange und etwa drei Meter breite, leichte und trans­pa­rente Kunst­stoff­folie sich wellen­artig flatternd bewegen. Die Venti­la­toren stehen an einer der kurzen Seiten der Folie, die an Ständern ca. 80 cm über dem Boden befestigt ist, im Ruhezu­stand im gesamten mittleren Bereich der Folie auf dem Boden aufliegt, im bewegten Zustand zwischen 10 cm und etwa einem Meter über dem Boden schwebt. Drei aus Knetmasse geformte kleine Insel­mo­delle stehen in ausge­schnit­tenen Arealen der Kunst­stoff­folie, der Ausschnitt der Fläche der betref­fenden Insel in etwa entspre­chend. Die Inseln sind etwas unter­schiedlich groß, die kleinste ist ca. 25 cm hoch, und hat einen Durch­messer von 30 cm, die anderen beiden sind entweder höher oder, die andere, von recht­eckiger Form, länger. Die Knetmasse ist mit Speise­farbe in terra­cot­ta­farben, hellgelb und graubraun einge­färbt; die Farben entsprechen denen von mit Flechten überzo­genem Gestein.

Matysiks Instal­lation bewegt sich thema­tisch zwischen Kunst, Künst­lichkeit, Konstruktion und Wahrheit und greift damit Fragen der Ästhetik auf, die in der Moderne virulent sind.
Assozia­tiver Ausgangs­punkt seiner Arbeit ist das künst­liche Wasser der Jim Knopf-Bearbei­tungen der Augsburger Puppen­kiste; es ist damit ein Element kultu­rellen, visuellen Erlebens vor allem einer bestimmten Generation wiederum innerhalb einer Kultur­ge­mein­schaft – der deutsch­spra­chigen –, das hier aufge­griffen und verar­beitet wird. Die Formu­lierung des Konzepts des Werkes durch den Künstler ist als Teil des Werkes anzusehen:

»Die wirklichste Insel­erfahrung ist möglich, wenn die gesamte Insel in einem Blick vor einem liegt. Also aus der Luft oder eine künst­liche Insel umgeben von künst­lichem Wasser. Das Flugzeug verändert den Stand­punkt und nicht das Objekt der inter­es­se­losen Betrachtung. Also künstlich. Und die beste der künst­lichen Inseln sollte von künst­lichem Wasser umgeben sein. Und das beste der künst­lichen Wasser ist nun mal das Lummer­land­um­ge­bungs­wasser der Augsburger Puppen­kiste. Kleine Inselchen tauchen aus dem Wellenmeer auf, so wie vor Island 1969 eine neue Insel aufge­taucht ist. «

Die Bezeichnung »Objekt der inter­es­se­losen Betrachtung« weist auf ein Kunst­ver­ständnis, in dem das Kunstwerk als Gegen­stand jenseits jeglicher Zweck­ra­tio­na­lität begriffen wird, rein zur ästhe­ti­schen Betrachtung, undidak­tisch, unpoli­tisch. Was hier ganz schlicht und etwas kokett formu­liert ist, erweist sich bei näherem Hinsehen als Fiktion, gleich der Fiktion von Lummerland und der von reiner Vernunft. Mensch­liches Sein und Denken ist immer unter den Bedin­gungen von je bestimmter Kultur histo­risch verortet, ebenso wie Lummerland ein Ort ist, der für eine bestimmte Generation in einer bestimmten Kultur eine besondere Bedeutung hat, Teil des kultu­rellen Gedächt­nisses ist und in diesem wiederum Teil eines Genera­tio­nen­ge­dächt­nisses. Kultu­relles Gedächtnis ist ohne inter­sub­jektive Konstruk­tionen und diesen zugehörige Wahrheits­an­sprüche gar nicht existent.
Die Instal­lation wird in verschie­denen Graden der Echtheits­wahr­nehmung oder – im Gegenteil – Augen­fäl­ligkeit der Künst­lichkeit erfahrbar, je nachdem, an welchem Stand­punkt in Bezug auf die Instal­lation die Betrach­terin oder der Betrachter steht. An der Querseite, der schmalen Seite, die den Venti­la­toren gegenüber ist, also am weitesten von diesen entfernt, ist die Illusion, an einem Strand zu stehen, ein bewegtes Meer mit dazuge­hö­rigem Rauschen vor sich zu haben, am stärksten. Urlaubs­ge­fühle, wehmütige und nostal­gische Meeres- und Insel­sehn­sucht wurden als im Rezipieren des Seestücks von einigen Besuche­rinnen und Besuchern beschrieben; dagegen ist vor allem von der Querseite aus der Unter­grund der Inseln – kleine Platt­formen auf Rollen – deutlich zu sehen, immer in der Aufwärts­be­wegung der Folie, das illusionäre Meer mit Inseln taucht nur in der Abwärts­be­wegung der Folie auf. An der anderen Querseite drängen sich die Venti­la­toren der Wahrnehmung unmit­telbar auf, sowohl als Geräusch wie durch die Einsicht, dass sie die Wellen­be­wegung erzeugen. Der Eindruck der Künst­lichkeit ist hier am stärksten und. die Illusion sogar zur Gänze verschwunden. Der Stand­punkt, von dem aus die Instal­lation betrachtet wird, bestimmt über ein Erlebnis zwischen den Polen erhabener Landschafts­er­fahrung und Trash; das Oszil­lieren der Augen­fäl­ligkeit der Konstruktion regt zur Reflexion über gesell­schaft­liche Konstruk­tionen überhaupt an, auch hier freilich wieder jene über Inseln als kleine umgrenzte überschaubare beherrschbare Orte etc.

Zitat aus: Anna E. Wilkens: Ausstellung zeitge­nös­si­scher Kunst: Inseln – Archipele – Atolle. Figuren des Insularen, in: Anna E. Wilkens, Patrick Ramponi, Helge Wendt (Hg.): Inseln und Archipele. Kultu­relle Figuren des Insularen zwischen Isolation und Entgrenzung, Bielefeld: Transcript 2011, S. 77 ff.