Der Garten hält es nicht bei sich aus: Seine Paralyse?

Burg­hart Schmidt

Gar­ten – das Wort kommt von Urfor­men, die Zaun­ge­flecht und Flecht­zaun mei­nen, so mit Gat­ter und Gür­tel zusam­men­hän­gen, gar mit dem rus­si­schen Gorod gleich Burg. Daher hat­ten die Deutsch­spra­chi­gen Now­go­rod kor­rekt mit Nau(v)gard über­setzt. Im wei­te­ren Umfeld bedeu­tet figu­ra­tiv Gar­ten das Umzäun­te, Umheg­te bis zum Hof. Damit ist er aufs Äußers­te und durch und durch mensch­ge­stal­te­te, mensch­ge­ord­ne­te, mensch­ge­züch­te­te, mensch­be­schnit­te­ne, iso­la­tiv aus der Natur her­aus­ge­ho­be­ne Insel, abge­dich­tet gegen die übri­ge Natur geschlos­se­nes Eigen­sys­tem, zen­tra­ler Ort wie Hort der Züch­tung gleich dem Stall. Was die Ange­le­gen­heit des Unkrauts stif­te­te, Unkraut ist das, was die iso­la­ti­ve Ein­flech­tung, Abschir­mung trotz­dem durch­drang und so an sei­nen unge­hö­ri­gen Ort gelangte.

Einer­seits sahen dann Schre­ber­gär­ten so wie Wohn­zim­mer aus, gebürs­tet, gebü­gelt, aus­ge­fegt und aus­ge­saugt, aus­ge­klopft, aus­ge­harkt und aus­ge­wa­schen. Ande­rer­seits konn­te es im Stadt­gar­ten­typ schon sehr viel frü­her, näm­lich seit der Anti­ke zur for­ti­fi­ka­ti­ven Ein­maue­rung kom­men. Denn Stadt­gär­ten muß­ten nicht nur gegen die übri­ge Natur geschützt wer­den, son­dern eben­so gegen den ande­ren Men­schen: My gar­den is my cast­le! Man den­ke an die vie­len Gär­ten im stei­ner­nen Vene­dig, der die öffent­li­chen Stra­ßen benut­zen­de Besu­cher gelangt trotz ihrer aus dem stei­ner­nen Vene­dig nicht hin­aus. Er hat es dort aller­dings auch nicht nötig, durch die vie­len Weit­bli­cke auf das Was­ser der Lagu­ne. Also Gär­ten seit Urlan­gem die völ­lig men­schen­ge­stal­te­te Rest­na­tur. Dem ent­spra­chen die frü­he­ren Arbei­ten von Rei­ner Maty­sik, die eine Pflan­zen­welt aus der Phan­ta­sie gestal­te­ten, samt einer iro­nisch an Lin­né ori­en­tier­ten Klas­si­fi­ka­ti­on frag­men­ta­risch in Beglei­tung. Das beglei­ten­de Sich­ori­en­tie­ren aber am Lin­né­schen macht wohl den einen Grund, war­um die pflan­zen­er­fin­de­ri­sche Phan­ta­sie Maty­siks sich vor allem auf die Sexu­al­or­ga­ne, die Blü­ten rich­tet. Nach ihnen hat­te Carl von Lin­né sei­ne Klas­si­fi­ka­ti­on eingerichtet.

Der ande­re Grund fin­det sich im von Maty­siks von ihm selbst erzähl­ten Traum von einer ent­grenz­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Mensch und Pflan­zen­welt. Heu­te ist von sol­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on viel die Rede. Der Mensch beginnt mit den Pflan­zen zu reden, was ihnen hel­fen soll, Pflan­zen und Pflan­zen­land­schaf­ten als Bil­der wer­den psy­cho­the­ra­peu­tisch ein­ge­setzt, was dem Men­schen hilft. aber es geht dabei um eine her­me­neu­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on, eine Ver­stän­di­gung (dem­nächst erscheint ein Buch von Ingrid Grei­sen­eg­ger, das dazu eini­ges ent­hält: Wie­viel Gar­ten braucht der Mensch?). Maty­sik meint dar­über hin­aus mehr, einen ero­ti­schen Ver­kehr bis zur zwi­schen Mensch und Pflan­ze ver­mi­schen­den Fort­pflan­zung in der Eigen­schafts­trans­for­ma­ti­on. Was unmit­tel­bar – direkt real zwar aus­ge­schlos­sen und nur sym­bo­lisch – meta­pho­risch, also künst­le­risch ein­zu­ho­len ist, außer in sci­ence-fic­tio­na­ler Gen­tech­no­lo­gie, der das wie objek­tiv­rea­le Mög­lich­keit zu erschei­nen vermöchte.

Nun steht eine phan­tas­ti­sche Trans­for­ma­ti­on der Erschei­nungs­bil­der von Pflan­zen und Tie­ren in einer uralten Tra­di­ti­on von Roko­ko zurück beson­ders in den Manie­ris­mus, zurück in die Roma­nik, zurück unter die Mons­ter der Anti­ke, zurück in die gesam­te Orna­ment­ge­schich­te. Gera­de für die­sen Zug im Manie­ris­mus trat ein Inter­pre­ta­ti­ons­be­griff auf, etwa zu Hie­ro­ny­mus Bosch und Pie­ter Breu­ghel, der der Mon­ta­ge­pflan­zen und Mon­ta­ge­tie­re, der dar­auf auf­merk­sam macht, daß es sich nicht um völ­lig neue Erfin­dun­gen aus der Phan­ta­sie han­delt, son­dern um Trans­for­ma­tio­nen eben, Über­for­mun­gen also und ver­än­dern­de Zusam­men­set­zun­gen, auch ver­än­dern­de Iso­la­tio­nen, Ver­grö­ße­run­gen, Ver­klei­ne­run­gen eines Vor­ge­ge­be­nen von Welt. Und das kann man auch erschau­en in der neu­en Pflan­zen­welt von Maty­sik. Er meint aber nicht mehr nur die Phan­tas­tik der neu­en Erschei­nungs­bil­der von Pflan­zen, allen­falls mit inter­pre­ta­ti­ven Sym­bol­wir­kun­gen, son­dern es geht ihm um einen kom­mu­ni­ka­ti­ven Umgang mit ihnen auf Wegen von Per­for­man­ces, heißt es. Wo die­se aller­dings sexu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on bis zur Fort­pflan­zung anspielt, muß sie sich frei­lich wie­der auf sym­bo­li­sche Wir­kung einlassen.

Man fragt sich dazu, war­um sich Maty­sik offen­sicht­lich genö­tigt sah, sei­nen künst­le­ri­schen Dar­stel­lungs­ma­nö­vern von unten her eine Theo­rie der Gen­tech­no­lo­gie ein­zu­zie­hen, die Par­tei zu ergrei­fen scheint für den Sinn die­ser neu­en tech­no­lo­gi­schen Hori­zon­te jen­seits ihrer aus­ge­klam­mer­ten Gefah­ren. Denn die­se kann er ja aus sei­ner im Ver­gleich mit ihnen gro­ben künst­le­ri­schen Phä­no­me­n­al­welt gar nicht errei­chen, er berührt sie über­haupt nicht, zeich­net also von sei­ner Arbeit her kei­ne Ver­ant­wort­lich­keit für sie. Ich mei­ne über die mikro­ko­pi­sche Ebe­ne hin­aus die Nano­sphä­re einer Mani­pu­la­ti­on der gene­ti­schen Pro­gram­me in der Des­oxy­ri­bo­sen­u­kle­in­säu­re sel­ber mit den Gefah­ren der Erzeu­gung neu­er mikro­sko­pi­scher Krank­heits­er­re­ger und der Erzeu­gung von Ver­krüp­pe­lungs­pro­gram­men des Men­schen, gegen­über denen die Welt der Con­ter­gan­ver­krüp­pe­lun­gen nur die Vor­höl­le wäre.
Und wenn man an Rea­li­sa­ti­on denkt in Hin­blick auf aus­ge­stal­te­te uto­pi­sche Phä­no­me­na­li­tät eines Wün­schens­wer­ten, wie sie Maty­sik dar­stel­le­risch for­mu­liert hat, dann bewegt sich vom heu­ti­gen Stand der Gen­tech­no­lo­gie her alles in einem Sci­ence-Fic­tio­na­len eben. Die Debat­te über neu­en Phä­no­typ Mensch wäre ohne­hin absurd. Nur im Tota­li­ta­ris­mus wäre sie will­kür­lich so zu ent­schei­den, daß Gen­tech­no­lo­gie über­haupt ein­satz­bar wäre in böses­ten Hori­zon­ten eines hof­fent­lich, hof­fent­lich aus der Welt liegenden.

Aber das hat ja alles nichts mit dem zu tun, was man durch Maty­siks künst­le­ri­sche Dar­stel­lun­gen zu sehen und zu erle­ben bekommt. Höchs­tens sei­ne Tex­te reis­sen das bedenk­lich an. Ihren Theo­rie­an­satz kann ich aller­dings auch noch ver­ste­hen und mit­ver­tre­ten, inso­fern er Ein­spruch erhebt gegen eine sofor­ti­ge und völ­li­ge Ver­teu­fe­lung der Gene­ti­schen For­schung, die man doch abschir­men könn­te gegen die Gefah­ren und Unlös­bar­kei­ten von Absur­di­tä­ten und die Gefah­ren einer Gen­tech­no­lo­gie in vor­ei­len­der Beschleu­ni­gung der Ange­wandt­heit. Man könn­te ja auch Maty­siks Unter­neh­mun­gen künst­le­ri­scher Art nega­tiv-uto­pisch ver­ste­hen, wie man das einst mit den tech­no­lo­gisch eben­so­we­nig rea­li­sier­ba­ren Kunst­ent­würfer der Haus-Rucker-Grup­pe gegen total ver­schmutz­te Umwelt tat. Die­se Grup­pe stand, wie ich von einem ihrer Mit­glie­der, Klaus Pin­ter, weiß, eben­falls in völ­li­ger Ambi­va­lenz, einer­seits Ableh­nung der hor­ren­den Umwelt­ver­schmut­zung, ander­seits Fas­zi­niert­heit durch die tech­no­lo­gi­schen Mög­lich­kei­ten, sich in der Umwelt­ver­schmut­zung gegen sie zu behaup­ten in einer Ersatz­welt der Iso­lier­sta­tio­nen, also tota­len Gärten.

Wobei aller­dings zu Maty­siks künst­le­ri­scher Dar­stel­lungs­ar­beit ein Dreh­hier­zu­ge­wir­belt wer­den muß aus dem unheim­li­chen Abgrund zwi­schen sei­nen Phan­ta­sien und dem Spi­ral­den­ken der Gen­tech­no­lo­gie, indem die­se ihren Zug des Unheim­li­chen doch über den Abgrund hin­weg oder unter ihm hin­durch den Phan­ta­sien Maty­siks ein­win­det. Erst in dop­pel­ter Keh­re ent­steht das Nega­tiv-Uto­pi­sche. Bei den Haus-Ruckern konn­te man noch die Fas­zi­niert­heit von einem sel­ber unbe­merkt mit­schlu­cken, bei Maty­sik muß man sich ihre Pro­vo­ka­ti­ons­macht ver­ge­gen­wär­ti­gen. Sonst wäre alles Palet­ti, auch die Gen­tech­no­lo­gie fän­de umstands­los unter Aus­blen­den ihrer Pro­ble­ma­tik ihre künst­le­ri­sche Beweih­räu­che­rei. Viel­leicht ist die Keh­re aber ver­dop­pelt viel bes­ser geeig­net, einen zu Gewarnt­heits­po­si­ti­on zu brin­gen im Schein der Fas­zi­niert­heit, die wir ja alle dem For­schungs­fort­schritt der Gene­tik ent­ge­gen­brin­gen. Machen wir sie doch ein­mal ein biß­chen mit bis zum Kot­zen, die­se Fasziniertheit.

Und noch zu etwas ande­rem benö­tigt Maty­sik sei­nen gen­tech­no­lo­gi­schen Rekurs für den sei­ner Arbeit unter­stell­ten Sinn. Es geht ihm im Namen der Kom­mu­ni­ka­ti­vi­tät, im Namen ihrer uner­meß­li­chen Aus­brei­tung um ein Kon­tra zum Indi­vi­dua­lis­mus. Gen­tech­no­lo­gie in ihrem Hori­zont wäre ja als unbe­grenz­te Aus­tausch­bar­keit und Mon­tier­bar­keit von Erb­pro­gram­men das grund­sätz­li­che Erle­di­gen von indi­vi­dua­lis­ti­scher Indi­vi­dua­li­tät., Indi­vi­dua­li­tät wäre nur noch Montageelement.

Im ers­ten Schritt könn­te man das Kon­tra zum Indi­vi­dua­lis­mus ja noch mit­ma­chen. Wenn es um den Indi­vi­dua­lis­mus der euro­ame­ri­ka­ni­schen Spät­form geht, der sich in Cha­rak­ter und Schick­sal von der Wie­ge bis zum Gra­be fest­schreibt. Und jeder Indi­vi­dua­list ist dann ein sozu­sa­gen Fest­ge­schrie­be­ner von der Wie­ge bis zum Gra­be. Ein Opfer sei­ner durch­hal­ten­den, nach­hal­ti­gen Selbst­be­stimmt­heit, das nie ent­täu­schen darf, Selbst­zwang, Selbst­un­ter­wer­fung, Selbst­dres­sur, die, sto­isch aus­ge­drückt, zur rau­hen Haut einer Säu­le geführt haben.

Dage­gen erging schon die jesua­ni­sche Hoff­nung vor 2000 Jah­ren: »Denn sie­he, ich mache alles neu!« Aber die Lösung des Neu­wer­dens als eines Natur­rechts auf Mög­lich­keit (Cha­rak­ter muß immer wirk­lich sein) heißt nicht Auf­lö­sen des Indi­vi­dua­lis­mus. Auf­lö­sen des Indi­vi­dua­lis­mus wäre immer Rück­fall oder Rück­wurf in blo­ße Natur. Das haben uns die Tota­li­ta­ris­men des 20. Jahr­hun­derts in antiuto­pi­scher Wei­se gezeigt mit ihrem Kult des neu­en Men­schen. Sie haben geklärt, daß zum Rück­wurf oder Rück­fall in blo­ße Natur immer die Ent­in­di­vi­dua­li­sie­rer gehö­ren, die ihre indi­vi­dua­lis­ti­sche Indi­vi­dua­li­tät am aller­we­nigs­ten preis­ge­ben, aber die vie­len Ande­ren zu Räd­chen im Getrie­be ihrer Maschi­ne­rie zu machen. Ob in der Ideo­lo­gie der ras­sis­ti­schen Züch­tungs­tech­no­lo­gie oder in der mehr, aber nur betrü­ge­risch, nach Uto­pie rie­chen­den Ideo­lo­gie einer Didak­tik als Tech­no­lo­gie, arbei­tend auch mit Über­nah­men aus der anders und ent­ge­gen gerich­te­ten Tie­fen­psy­cho­lo­gie, benutzt zur Gehirnwäsche.

Man muß sich also um einen Indi­vi­dua­lis­mus bemü­hen jen­seits der post­exis­ten­zia­lis­ti­schen Kla­gen um Ver­lust der Indi­vi­dua­li­tät und Iden­ti­tät seit den 70er-Jah­ren. Dage­gen hat­te ich immer ein­ge­wandt, daß wir viel­mehr noch an viel zu vie­len Iden­ti­tä­ten lit­ten. Für einen Indi­vi­dua­lis­mus der Ver­än­der­lich­keit, der Trans­for­mier­bar­keit, eben der Lern­fä­hig­keit kann man viel ler­nen von denen, die einem Jam­mer-Post­exis­ten­zia­lis­mus zu Unrecht ange­klagt wur­den der Zer­stö­rung des Sub­jekts, der Iden­ti­tät, der Indi­vi­dua­li­tät, des Cha­rak­ters Jac­ques Lacan, Gil­les Deleu­ze, Felix Guatta­ri, Michel Fou­cault haben näm­lich in der Tat nicht die Indi­vi­dua­li­tät und damit den Indi­vi­dua­lis­mus auf­ge­löst, viel­mehr haben sie bei­de situa­tio­na­li­siert und so die Rela­ti­vi­täts­theo­rie des Indi­vi­dua­lis­mus geschaf­fen im rich­ti­gen Sinn von Rela­ti­vi­tät und Situa­ti­on. Der meint näm­lich, wie einst schon Ernst Bloch gegen die Milieu­theo­rie, daß das Indi­vi­du­um »kei­nes­wegs mit jeder Pfüt­ze, in die es schaut, grau wird« (For­mu­lie­rung nach Ernst Bloch). Indi­vi­dua­li­tät bleibt ein ver­än­der­li­cher Gegen­zugs­fak­tor in der Situa­ti­on, von ihr bestimmt sie schon bestimmt habend und wei­ter bestimmend.

Auf sol­chen Wegen ver­ste­he ich Maty­sik, und nicht auf den Wegen einer Kom­mu­ni­ka­ti­on als abso­lu­ter Ver­ge­mein­sa­mung, das wäre eben der Rück­fall in blo­ße Natur als Auto­ma­tie ohne Oppo­si­tio­na­li­tät. Sonst wäre es auch gar nicht zu jenem lang sich hin­zie­hen­den Dar­stel­lungs­band gekom­men, das den Gehalt vor­lie­gen­den Buches aus­macht, abge­zo­gen aus einem Video. Ein Gemen­ge aus abbild­li­chen Land­schafts­frag­men­ten, Pflan­zen­frag­men­ten, Gesteins­frag­men­ten, Tier­frag­men­ten, durch­setzt mit Phan­ta­sie­pflan­zen, Phan­ta­sie­tie­ren, Phan­ta­sie­bruch­stü­cken von etwas, bis­wei­len sind Real­frag­men­te gegen ihre Rea­li­tät gereiht zu einer Fast-Gesamt­struk­tur. Man muß dem Strei­fen­band ent­lang­fah­ren, es also wie­der­um in einen Film ver­wan­deln für sich. Zugleich wird man in die Ver­ti­ka­le eines ande­ren quer­lau­fen­den Kurz­films gegen­über dem Lang­film getrieben.

Die Dar­stel­lungs­ar­beit setzt auf einen ana­ly­tisch syn­the­ti­sie­ren­den, in Syn­chro­nie dia­chro­ni­sie­ren­den Beob­ach­ter, und das ist eine Beob­ach­ter­in­di­vi­dua­li­tät, die das allein zu leis­ten ver­mag. Die­se, in blo­ße Natur auf­ge­löst, wür­de nur prak­tisch wahr­neh­men, im Reiz-Reak­ti­ons­sche­ma, wie es auch die tota­li­ta­ris­ti­schen Her­ren des Hit­le­ri­schen, des Sta­lin­schen ange­steu­ert hat­ten, den Ein­zel­men­schen zu brin­gen nur ins Reiz-Reak­ti­ons­sche­ma des Aktio­nis­mus. Die­ses Buch hier aber argu­men­tiert aber dar­stel­le­risch gegen das Reiz-Reak­ti­ons­sche­ma, also gegen blo­ße Natur, und befreit Maty­siks Kom­mu­ni­ka­ti­ons­idee zu ihrem stär­ke­ren Sinn einer Ver­mi­schung der Pro­gram­me, die sich aber immer wie­der in sich selbst geän­dert von­ein­an­der abset­zen. So wen­det sich das aber gegen Maschi­ni­sie­rung und Auto­ma­ti­sie­rung. Und das heißt, aus blo­ßer Natur hebt Indi­vi­dua­lis­mus immer aufs Neu an, Natur wirkt nur in der indi­vi­du­el­len Auf­fas­sung phan­tas­tisch und Phan­tas­tik pro­du­ziert sich nur durch indi­vi­du­el­le Phantasie.

Aber wirkt nicht die extre­me Struktur‑, Figur‑, Frag­ment­viel­falt in der Viel­falt des Far­bi­gen wie das, dem Phan­tas­tik wie Erha­ben­heit äußerst nahe­ste­hen, hauch­dünn nahe­ste­hen, wie Kitsch? Die Viel­falt hier erin­nert an ein leben­des Koral­len­riff. Und inder Tat, Natur kann nicht kit­schig sein. Der Satz gilt aber nur objek­tiv, im sub­jek­ti­ven Auf­fas­sen von Natur ver­mag sehr wohl Kitsch auf­zu­tre­ten. Das übli­che Bewun­dern von Son­nen­auf-wie-unter­gän­gen läßt das spü­ren. Und wie schrieb Max Frisch so schön?: Sie stan­den an der Reling, schau­ten in den Nacht­him­mel über dem Meer; sie spra­chen von den Ster­nen, das Übliche.

Aber in dem Bild­strei­fen­band Maty­siks arbei­tet alles gegen die Stan­dards und Nor­men des indus­tria­li­sier­ten Kitschs, dar­um erin­nert alles dar­an und ist doch über­all unter­lau­fen. Wer sich auf ein Kit­sch­mo­tiv stürzt wird sofort unter­bro­chen. Ein Gar­ten liegt vor, inso­fern Natur­land­schaft frag­men­ta­ri­siert wur­de, wodurch sie den Cha­rak­ter einer Simu­la­ti­ons­in­sel erhält, wie in eng­li­scher Gar­ten­kunst zeit­wei­lig beliebt war, klei­ne Land­schafts­frag­men­te ande­rer Gegen­den ein­zu­mon­tie­ren. Und in die Zwi­schen­be­rei­che der Frag­men­te, die sich sonst über­blen­den oder anein­an­der­fü­gen wür­den, schie­ben sich, win­den sich die Kunst­pflan­zen, Kunst­tie­re ein aus der Gar­ten­züch­tung Gar­ten anmel­dend. Ins­ge­samt han­delt es sich aber um einen Gar­ten aus Gär­ten, in dem sich kein Weg auch nur eine Wei­le aus­lau­fen­läßt bei aller Ver­gar­tung von allem und trotz des Film­ab­lauf­bands. Die­se Unru­he in der Dar­stel­lung arbei­tet allein schon gegen den Kitsch. Denn weil ja wie­der­um der Strei­fen als gesam­ter vor­liegt, wird auch der Kitsch der Zack­bild-Zack­bild-Zack­bild­mon­ta­ge ver­hin­dert. Viel­mehr schlägt Bahn­struk­tur in viel­fach anein­an­der­schach­teln­de Laby­rint­hauf­sich­ten um.

Wenn das über Kunst­pflanz­lich­keit und Kunst­tier­lich­keit von Gar­ten- und Gehe­ge­mo­tiv her an Gene­tik­theo­rie sich wen­den will, dann wür­de auch die hand­wer­keln­de Gen­tech­nik aus­rei­chen, die so alt ist wie Acker­bau und Vieh­zucht über­haupt. Und sie hat gera­de in Hin­blick auf das Blüh­we­sen der Pflan­zen Phan­tas­ti­sches gemäß trdi­tio­nel­ler Züch­tung und Kreu­zung zustan­de gebracht, auch in sexu­el­ler Meta­pho­rik. Man den­ke an Rosen und Nel­ken einer Viel­fach­va­gi­na­li­tät, hin­ter der das Phal­li­sche ver­schwin­det. Oder man den­ke an die Kul­ti­vie­rung des Aaron­stabs, was man am bes­ten auf der süd­bre­to­ni­schen Bel­le-Île-en-Mer stu­die­ren kann, eine gestei­ger­te viel­äu­gi­ge Phal­lus­haf­tig­keit, hin­ter der das Vagi­na­le verschwindet.

Aller­dings schon die hand­wer­keln­de Gen­tech­nik erfuhr seit Dar­win und Men­del eine Metho­do­lo­gi­sie­rung, die sie in eine Tech­no­lo­gie ver­wan­del­te. Und gleich danach setz­te sich eine Ideo­lo­gie dar­auf, die die Inten­tio­nen die­ser Expe­ri­men­tie­rer und Empi­ri­ker ins Gegen­teil ver­wan­del­te. Die bei­den Ori­gi­na­le woll­ten das Zustan­de­kom­men von neu­er Phä­no­me­na­li­tät im Leben­di­gen ver­ste­hen, der nach­fol­gen­de Ras­sis­mus fei­er­te die Rück­züch­tung des Auer­och­sen und der blon­den Bes­tie. Dar­win erklär­te die Abän­de­rung und Ver­mi­schung der Erb­pro­gram­me zum zen­tra­len Lebens­prin­zip des Leben­di­gen, der Ras­sis­mus pre­dig­te Ras­ser­ein­heit, also fei­er­te Min­dern der Überlebenschance.

Der Gar­ten als Ort wie Hort der Züch­tung war also schon vor einer Gen­tech­no­lo­gie, die eine Abän­de­rung der Erb­pro­gram­me direkt an den Ver­er­bungs­mo­le­kü­len betrei­ben will, ideo­lo­gisch wenigs­tens eine Gefah­ren ber­gen­de Ange­le­gen­heit. Aber Maty­siks Bil­der­strei­fen hier läßt, indem er den Gar­ten ein­bre­chen läßt in die öffent­lich Roh­na­tur, und die offen­sicht­li­che Roh­na­tur frag­men­ta­ri­siert zu simu­la­ti­ven Insel­gär­ten, den Gar­ten in sich sel­ber ein­bre­chen und zur Natur hin, die Natur ver­gar­tend, auseinanderbrechen.

Die­ser Text ist im Buch Thai­län­di­sches Erb­gut veröffentlicht.